Der beste Job der Welt

27/01/2010

Seit inzwischen fast fünf Jahren sehe ich mich in der glücklichen Lage, den besten (Neben-/Studenten-)Job der Welt zu haben. Na, eifersüchtig? Sie können ja gerne mitmachen! Ihr Arbeitsplatz wäre eines der berühmtesten und bedeutendsten Museen der Welt. Jaaa, der WELT! Ihr Haus steht in jedem noch so kleinen Österreich-Guide. Ihre Aufgabe bedeutet Macht. Ihre Mission bedeutet Sicherheit. Sicherheit für die paar Millionen Euro, die in Ihren Räumen herumhängen. Ihr Ziel ist die tägliche Lautsprecherdurchsage, die besagt, daß das Museum in wenigen Minuten schließen wird. In den Stunden bis zu dieser Durchsage können Sie all Ihre Komplexe und Ihr Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ausleben. Und dafür müssen Sie nicht extra in der Kälte auf der Autobahn stehen und zu schnell fahrende Autos rechts rankwinken. Oh nein! Aber lesen Sie selbst – die phantastische Jobbeschreibung eines Security-Agents in einem Museum.

Kunstliebhaber müssen sich dafür manchmal stundenlang anstellen. Touristen berappen dafür übertrieben viel Geld für eine Eintrittskarte. Aber SIE, Sie haben diese ganze Pracht exklusiv für sich allein. Den ganzen Tag lang, acht bis zehn Stunden, mehrmals im Monat, können Sie sich vor Ihre Lieblingsbilder stellen und jeden Pinselstrich analysieren, die Farbkompositionen bewundern und die Story hinter dem Bild deuten. Ihnen wird ja auch nichts anderes übrig bleiben, weil sonst haben Sie ja nichts zu tun. Und bevor  Sie vor Langeweile noch komplett eingehen, lesen Sie sich zum X-ten Mal die Beschreibung zu Arcimboldos Vier Jahreszeiten durch. Damit die Zeit noch schneller vergeht, übersetzen Sie diese noch auf alle Sprachen, die Sie sprechen. Oder Sie lesen den Text rückwärts. Kann auch lustig sein.

Das Ass, das Sie im Ärmel haben ist Ihre Position im Ausstellungsbereich. Denn in den Kabinetten X bis XV oder den Sälen 3 bis 7 sind Sie der King. Oder die Queen. Denn nur Sie tragen das tonnenschwere Uralt-Funkgerät mich sich, mit dem Sie jemanden erschlagen können! Nur Sie dürfen bestimmen, wer in den Räumlichkeiten telefonieren oder trinken darf. Wenn manchmal Familien Anstalten machen, ein Picknick auf den Sofas zu veranstalten, sind Sie derjenige, der den Familienältesten zur Sau machen darf. Wenn es jemand wagt, mit Blitz zu photographieren, sind Sie derjenige, der von der anderen Ecke des Saales „No Flash please!“ brüllen darf. Wenn Kinder die Absperrungen zum Seilhüpfen missbrauchen wollen, sind Sie derjenige, der die kreischende Brut hinausschmeissen darf. Sie allein haben die Macht über Touristen, die sich in dem Kabinettenlabyrinth verlaufen haben, wieder heil aus der Gemäldegalerie hinauszulotsen. Und Sie allein sind der Schlüssel zu dem Gemälde von XY, der einfach unauffindbar zu sein scheint. An schlechten Tagen zucken Sie einfach nur die Schultern, sagen lässig „Kabinett 19!“ und gehen einfach weiter, ohne zu erklären, dass Kabinett 19 im ersten Stock auf der rechten Seite im sechsten Kämmerchen links zu finden ist. An guten Tagen zücken Sie Ihren Plan und erklären den dankbaren Touristen die genaue Anreiseroute zu ihrem erwünschten Kunstwerk.
Sie dürfen bei diesem ganzen autoritären Getue allerdings nicht vergessen, dass Sie Ihre Macht und Diktaturangewohnheiten mit ihrer Zutrittskarte beim Portier abends wieder abgeben müssen.

Der Job als Security Agent fördert bei jedem ganz bestimmt gewisse Soft Skills zutage, von denen Sie nicht einmal wussten, dass Sie sie hätten: zum Beispiel die Kreativität. Das unbezahlbare Können, acht bis zehn Stunden in denen Sie in einem Raum mit Portraits von toten Monarchen, Ihnen unbekannten Heiligen oder komischen Farbklecksen eingesperrt sind, totzuschlagen. Es gib viele Möglichkeiten, sich die Zeit, in der Sie nur mit sich und Ihren düsteren Gedanken allein sind, zu vertreiben. Sie zählen die Schritte/Sekunden/Minuten die Sie von einem zum anderen Ende Ihres Reiches brauchen. Überhaupt fangen Sie an, alles zu zählen, was irgendwie nur zählbar ist. Sie überlegen, wie Sie einen 100 Millionen Lottogewinn ausgeben würden. Sie machen ein Best-and-worst-dressed-Ranking mit den Leuten im Raum. Sie hören heimlich Radio oder iPod und sind daher dauernd auf der Lauer vor dem Oberaufseher. Sie schalten das Hirn aus, wie Sie es im autogenen Training gelernt haben, und bewegen Sich nur noch vor- und rückwärts wie ein Roboter. Sie tun genau gar nichts außer zu Atmen. Sie schmieden Pläne, wie Sie die Weltherrschaft an sich reißen können. Die Liste kann man beliebig lang fortsetzen – ein perfektes Training für Wartezeiten– im Geschäft, beim Arzt,  Behörden oder im Stau.

Ich kann Ihnen versichern, sollten Sie sich überlegen, eine Karriere im Museums-Wachdienst einzuschlagen, kommt eine große, glamouröse und verantwortungsvolle Aufgabe auf Sie zu! In Sachen Kondition werden Sie abgehärtet wie beim Bundesheer – stundenlang in extremer Kälte oder extremer Hitze, begleitet von Sauerstoffmangel und aufdringlichem Parfum mancher Damen, zu stehen…! Vergessen Sie jedoch nie, dass Sie für das kulturelle Erbe unseres Landes verantwortlich sind.Vergessen Sie auch nie, dass Sie die Visitenkarte Ihres Museums sind, denn Sie können den Touristen vergraulen, oder ihm schöne Erinnerungen mit auf den Weg geben! Neben ihres Jobs als Security Agent sind Sie natürlich auch ein Model. Ein Supermodel. Immer irgendwo auf den Fotos drauf, die sich die Nachbarn im Heimatland zu Gemüte führen müssen. Zwar im Hintergrund, oder ohne Kopf, oder der Körper ist nur zur Hälfte drauf, aber immerhin – und vielleicht seufzt jemand: “Ach, ist DAS ein fescher junger Mann…” Vielleicht werden SIE ja entdeckt!!! Aber ich will Ihnen ja jetzt keine Hoffnungen machen…

Eine Antwort zu „Der beste Job der Welt“


  1. [...] habe ich B. beim besten Job der Welt. Nach fünf Jahren verläßt B. den besten Arbeitsplatz der Welt in Richtung NGO, um Asylwerbern zu [...]


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