Eternal sunshine of a spotless mind
10/11/2011
Als K. an einem Samstag starb, hieß es in allen Beileidsbekundungen, daß ein “außergewöhnlicher Mensch” von beispielloser Güte von uns gegangen sei. Dass sie sich den Respekt aller erwarb. Dass sie ihre eigenen Bedürfnisse hinter jener ihrer Mitmenschen stellte. Dass sie jemand war, den man als Vorbild nehmen sollte. Und dass sie eine Lücke hinterlasse, die niemand füllen könne. Und obwohl das wie eine Floskel klingt, weiss ich, dass das von allen ernst gemeint war.
Ich ging nicht auf K’s Begräbnis. Erstens wollte ich K. nicht in einem Sarg sehen. Zweitens hätte mich die Anreise mein halbes Monatsgehalt gekostet – das ist wiederum eine feine Ausrede für Grund drei: Ich bevorzuge jene Art der Trauerbewältigung, in dem man sich allein und heulend in die eigenen vier Wände zurückzieht. Ich weiss daher auch nicht, wie viele Menschen bei ihrem Begräbnis waren. Ich weiss nur, dass am Sonntag die halbe Stadt an ihrem aufgebahrten Sarg in der Kapelle vorbeizog. Ich stellte mir daraufhin die Frage, was ist eigentlich ein “guter Mensch”? Was macht jemanden zu einem “guten Menschen”? “Edel sei der Mensch, hilfreich und gut”, sagt Goethe. Reicht das aus? Wo hört “gut” auf und wo fängt “selbstlos” an? Ist es denn überhaupt möglich, ein guter Mensch zu sein? Und – lebt es sich als “guter” Mensch besser und erfolgreicher? Laut einer Studie von drei deutschen Universitäten neigen Menschen mit negativen Eigenschaften wie – liebe selbstständige KollegInnen, jetzt kommts – Narzissmus und subklinische Psychopathie mehr zu Unternehmensgründungen und Führungspositionen. Auf gut Deutsch gesagt: Bist du ein bissi mehr Arschloch, hast du bissi bessere Chancen. Und ich habe die Gewissheit, eine supergute Person zu sein, wenn ich im unteren Bereich des Lohnniveaus dahindümple. Wenn sich hier ein Philosophiestudent auf diese Seite verirrt – ich hätte ein wunderbares Thema für eine Diplomarbeit!
Trotzdem versuche ich, ein guter Mensch zu sein – nach meiner Definition zumindest. In die Kirche gehen ist jetzt echt nicht drin, aber ich versuche, den Müll zu trennen. Und ich vermisse K. furchtbar. Ich kann nur hoffen, dass sie mich nicht für eine schlechte Enkelin gehalten hätte, weil ich nicht bei ihrem Begräbnis war. Aber ich bin mir sicher, sie hätte es verstanden. Sie hätte es mir wahrscheinlich verboten. Jetzt kann ich sie so in Erinnerung behalten, wie sie wirklich war: als fröhlicher und herzensguter Mensch.