Das große Fressen
18/12/2011
Die Globalisierung tötet langsam unseren Geschmackssinn. Wo Bio draufsteht, und zehntausend ominöse Biogütesiegel auf die Qualität des Bioprodukts schwören, ist meist längst nicht Bio drin. Die panasiatisch angehauchte europäische Küche trieft vor Langeweile, Unauthenzität und Glutamat und an all den großen All-you-can-eat-Buffets um acht Euro wird dermaßen dekadent aufgetischt, dass mich jedes Mal das schlechte Gewissen jagt. Der österreichische Hauben-Adabei-Koch Toni Mörwald schenkt seinen Namen für eine internationale Fastfood-Kette her und kreiert eine skurrile Mischung aus Burger und Slow-Food-Küche. Vor einem eintägigen Feiertag werden die Supermarktregale geplündert, als ob die Revolution vor der Tür steht und wir einen Lebensmittelmangel fürchten müssen. Dafür landet dann der Großteil des Eingekauften wieder im Mistkübel. Dass “türkische” Kebab-Stände auch “italienische Pizza” oder “italienische” Pizza-Stände auch “asiatische” Gebratene Nudeln verkaufen, ist ja schon Usus. Die Qualität derer ist ja bekanntlich minderwertig. Neuerdings bekam dies auch mein kleiner Bruder zu spüren, als er nach dem Verzehr eines Kebabs um weniger als zwei Euro plötzlich rückwärtsessen musste. Als liebevolle, sorgende große Schwester sagte ich ihm, dass er schlicht und einfach selbst schuld sei, da er sich ja ausschließlich von diesem Zeug ernährt.
Aber gestern, gestern schlug mein kulinarischer Super-GAU ein. Ich karrte gemütlich meine letzten Weihnachtseinkäufe nach Hause, als ich folgendes Konglomerat sah: Eine Kebab-Sushi-Gebratene Nudeln-Pizza-Schnitzelsemmel-Bude. Besser gesagt, eine ehemalige Kebab-Sushi-Gebratene Nudeln-Pizza-Schnitzelsemmel-Bude, weil der Freßtempel bereits seine Pforten geschlossen hat, und wahrscheinlich von einem Wettlokal oder Handyshop ersetzt wird. Und was kommt als nächstes? Frittenbuden, die Fish&Chips, Cevapcici und Curryreis verkaufen? Augenblicklich dachte ich an T.’s Lieblingsfilm, “das große Fressen” aus den 70ern, in dem sich vier Leute einfach zu Tode fressen. Der bekannte Filmkritiker Robert Ebert beschrieb in der Chicago Sun Times den Film als “decadent, self-loathing, cynical and frequently obscene”. Bezeichnend, diese Filmkritik. Nicht für den Film. Sondern für die Gesellschaft von heute. Aber solange wir hier in Europa nicht die Wahl zwischen Cholera (Fast Food) und Pest (genmanipulierte Lebensmittel) haben, ist die Welt ja noch in Ordnung.